Vor ziemlich genau drei jahren ließen wir Ogy, unseren Mischlingshund aus dem Tierheim Vösendorf an den Augen untersuchen.
Die Veterinärmedizinische Universität Wien ging sehr gewissenhaft vor.
Ogy hat mit seiner liebevollen und sanften Hingabe die Herzen sämtlicher Ärzte und des Pflegepersonals im Sturm erobert.

Er hat alle Untersuchungen ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben über sich ergehen lassen.
So hat er eine sehr genaue Diagnose ermöglicht.

Keine Operation

Die in Aussicht gestellte Besserung seiner Sehbehinderung stellte sich leider nicht ein.
Wir haben uns GEGEN die Operation entschieden.

Die Gründe dafür:

  • Narkoserisiko:
    Der Eingriff erfordert eine längere Vollnarkose, die für ältere Hunde eine nicht zu unterschätzende körperliche Belastung darstellt.

  • Komplikationen:
    Nach der OP können gehäuft Entzündungen, ein grüner Star (Glaukom) oder eine Netzhautablösung entstehen.

  • Nachsorge:
    Die Behandlung mit täglichen Augentropfen und Kontrollen in der Klinik bedeutet Stress für den hund.

Wir wissen natürlich, dass die Narkotisierungen auch älterer Tiere heutzutage sehr schonend vor sich gehen und kein all zu großes Risiko mehr darstellen.
Doch Ogy genießt bei uns eine sehr hohe Lebensqualität.
Seine Sehbeeinträchtigung stört ihn nicht.
Er ist nicht völlig blind.

Nach wie vor merkt man ihm sein Gebrechen in der Natur nicht an. Sofern er sich auf Wegen bewegt die er recht genau kennt.
Es ist sehr faszinierend zu beobachten wie er sich zurechtfindet.

Wie Ogy seine schwache Sehkraft kompensiert

1. Das „Navi“ in der Nase (Geruchskarte)

  • Geruchliche Orientierungspunkte:
    Jeder Raum und jeder Weg hat für Ogy eine eigene Duftsignatur. Der Teppich riecht anders als der Fliesenboden, die Hecke im Garten anders als der Zaun.

  • Duft-Leitlinien:
    Hunde nutzen geruchliche „Leitplanken“. Entlang von Wänden, Möbeln oder Wegrändern haften spezifische Düfte, denen sie wie einer Schiene folgen.

2. Die Pfoten als Tastsinn (Taktile Karte)

  • Untergrund-Wechsel:
    Ogy spürt genau, wo er sich befindet, sobald sich der Boden verändert. Der Übergang von Holz auf Teppich oder von Gras auf Schotter signalisiert seinem Gehirn exakt: „Jetzt bin ich an der Haustür“ oder „Jetzt kommt die Kurve im Garten“.

  • Vibrations- und Luftstrom-Gespür:
    Hunde spüren über ihre Pfotenballen feinste Vibrationen im Boden. Zudem nehmen sie über ihre Haut und das Fell wahr, wie sich Luftströme in Räumen verändern – sie „fühlen“, wenn sie sich einer Wand oder einem großen Möbelstück nähern.

3. Die Schnurrhaare als Abstandsmesser (Vibrissen)

  • Taktiles Radar:
    Die langen Tasthaare (Vibrissen) an Ogys Schnauze und über den Augen sind extrem empfindlich. Sie registrieren minimale Luftdruckveränderungen, wenn er dicht an einem Tischbein, einer Wand oder einem Baum vorbeigeht. Das schützt ihn davor, anzustoßen.

4. Das akustische Echolot (Gehörkarte)

  • Raumakustik:
    Ogy hört, wie Geräusche im Raum reflektiert werden. Ein offener Raum klingt anders als ein enger Flur.

  • Geräusch-Anker:
    Der tickende Kühlschrank, der plätschernde Zimmerbrunnen oder das Rascheln der Blätter an einem bestimmten Strauch im Garten dienen ihm als akustische Wegweiser.

5. Der „Schrittzähler“ im Kopf (Muskelgedächtnis)

  • Kinästhetisches Gedächtnis:
    Hunde prägen sich Bewegungsabläufe über Muskelkontraktionen ein. Ogy weiß rein über sein Körpergefühl: „Nach fünf Schritten kommt die Stufe“ oder „Nach drei Metern muss ich links abbiegen“. Deshalb verunsichert es blinde Hunde stark, wenn Möbel umgestellt werden – es bringt ihren inneren Schrittzähler durcheinander.

Weil Ogy diese Fähigkeiten von Jugend an perfektionieren konnte,  bewegt er sich in seiner vertrauten Umgebung so traumwandlerisch sicher, dass man ihm die Blindheit oft gar nicht anmerkt. Er läuft seine mentale Karte einfach im Kopf ab.

So läuft Ogy beim Spaziergang seinem Alter angepasst unbekümmert hinter uns her.
Wenn diese Gegend in seinem Gehirn abgespeichert ist.

Doch in völlig neuer Umgebung wird es naturgemäß recht schwierig.
Er bewegt sich dann sehr langsam, vorsichtig und überlegt zuweilen sehr lange wo er seine Pfoten hinsetzen soll.
Deshalb gestalten sich diese Spaziergänge sehr langwierig.
Manchmal bleibt leider nur die Möglichkeit-wenn es nicht anders geht-Ogy zu Hause im bekannten garten zu lassen.
Er ist dann glücklicher, es ist ihm anzusehen.

Neue Gegenden zu erkunden, in seinem Alter und dieser Sehschwäche, das überfordert ihn.

Das (kalkulierte) Risiko:

Es ist möglich, aber nicht zwingend zu erwarten, dass bei Ogy noch ein erhöhter Augeninnendruck (Glaukom) auftritt.
Da er den angeborenen Katarakt schon fast sein ganzes Leben lang hat und seine Augen seit vielen Jahren stabil sind, stehen die Chancen gut, dass es so bleibt.
Dennoch bringt eine chronisch veränderte Linse im Alter gewisse Spätrisiken mit sich.

Das Risiko steigt im Alter leicht an:
Auch wenn Ogys Augen jahrelang unauffällig waren, verändern sich Gewebe und Linse im Seniorenkalter weiter. Ein sekundäres Glaukom (Grüner Star) kann durch zwei Spätfolgen des Kataraktes entstehen:

  • Linseninduzierte Uveitis (LIU):
    Bei einem sehr alten, „überreifen“ Katarakt können winzige Mengen Linseneiweiß durch die Kapsel austreten.
    Das Immunsystem reagiert darauf mit einer chronischen Entzündung im Augeninneren (Uveitis).
    Diese Entzündungsprodukte können mit der Zeit die feinen Abflusswege des Augenwassers verstopfen, was den Druck steigen lässt

  • Linsenluxation (Lockerung):
    Im Alter können die Haltebänder der Linse (Zonulafasern) erschlaffen.
    Wenn sich die ohnehin veränderte Linse verschiebt, kann sie den Kammerwinkel blockieren, was zu einem plötzlichen Druckanstieg führt

Worauf wir jetzt achten

Ein erhöhter Augendruck ist im Unterschied zum Grauen Star sehr schmerzhaft.
Auf folgende Warnsignale Ogys achten wir nun besonders:

  • Rötung:
    Das „Weiße“ im Auge oder die Bindehäute wirken stark gerötet oder geändert.

  • Trübung:
    Die Hornhaut (die äußerste, klare Schicht) wirkt plötzlich bläulich-milchig.

  • Schmerzzeichen:
    Ogy kneift das Auge zu (Blepharospasmus), meidet helles Licht oder reibt mit der Pfote am Kopf.

  • Verhalten:
    Plötzliche Trägheit, Futterverweigerung oder Berührungsempfindlichkeit am Kopf (Kopfschmerz).

Doch von all dem gibt es bis jetzt zum Glück noch keine Anzeichen.
Jedoch sollte sich auch nur eine kleine Spur der Probleme einstellen, dann sofort zum Tierarzt!

Ogy lebt glücklich mit seinem Kumpel, dem jungen Wirbelwind, Border Collie Moriz zusammen.
Beide sind ein tolles Team.
Ogy ist rüstig, ja wenn er sich unbeobachtet fühlt, fordert er selbst sogar noch Moriz auf zum Spiel. Wunderbar mitzuerleben!

Um ihn nicht zu verwirren, belassen wir im Haus die Möbelstücke wo sie sind.
Auch besuchen wir mit Ogy hauptsächlich Umgebungen die er kennt. Wir sehen wie glücklich und zufrieden er ist.

Zusammengefasst war es richtig auf die Operation zu verzichten.
Schlussendlich hätte möglicherweise der Verlust beider Augen gedroht wenn sich nicht mehr zu korrigierende Komplikationen eingestellt hätten.

Ogy sieht mit seinen anderen Sinnen.

Und mit seinem Herzen.
Das ist das Wichtigste.

Ich hoffe ich konnte anderen Hundehaltern in ähnlichen Situationen helfen.
Liebe Grüße, Eure Familie in KIRAS HOME.

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