Von Hausdrachen zu Liebestiger

 

In KIRAS HOME leben, wie Ihr wisst, insgesamt fünf Katzen.
Von zweien möchte ich nun erzählen, denn der Beginn war wahrhaftig nicht einfach.
Ja, wir dachten schon, einen kompletten Fehlgriff gemacht zu haben.
Doch der Reihe nach.

Nach langer Recherche wurden wir auf das Tierheim Parndorf im Burgenland aufmerksam. Ich rief dort an und reservierte einen Termin, um vielleicht zwei junge Kätzchen zu adoptieren.
Wir konnten den Zeitpunkt kaum erwarten. Platz genug für noch zwei Kätzchen ist ja vorhanden …
Als wir ankamen, fiel uns auf, dass es nicht ganz so top gepflegt war wie andere, vom Staat geförderte Tierheime. Man merkte, dass die Leiterin viel privates Geld in diese Einrichtung steckte und nicht über ausreichend hochprofessionelles Personal verfügte, um all die anfallenden Aufgaben zu erfüllen.
Doch das war nur der erste Eindruck.

Nachdem uns die freundliche Leiterin empfangen hatte, fiel uns durchaus die liebevolle Betreuung der Tiere auf. Keine Vernachlässigung, keine Krankheiten – die verschiedenen Tiere waren alle fröhlich, wohlgepflegt und aufgeschlossen.
In der Katzenabteilung erklärte ich der Tierheimleiterin, dass wir zwei Katzen suchten, die offen und tolerant gegenüber anderen Hausbewohnern waren. Denn in KIRAS HOME gibt es auch noch zwei Hunde und drei bereits vorhandene Stubentiger.
Außerdem sollten die beiden auserwählten Samtpfoten durchaus fröhlich und verspielt sein. Die Hunde würden schon damit zurechtkommen.
Die nette Dame nickte und zeigte uns zwei entzückende Kitten, die auf einem Kratzbaum saßen.
Ein pechschwarzer Kater, neun Wochen jung, und seine Schwester, eine grau-schwarz gestreifte Kätzin, die allerdings etwas ruhiger alles beobachtete.

Das war uns durchaus recht, denn der kleine schwarze Schlingel machte sich sofort an den Schnürsenkeln der Schuhe meiner Frau zu schaffen.
Einfach goldig und drollig, wie er immer wieder versuchte, diese komischen Schnüre in sein kleines Mäulchen zu bekommen. Wenn es ihm nicht gelang, rollte er sich pausenlos auf den Rücken und fiepte hell vor Vergnügen und Spieltrieb.
Als Kontrast dazu sah das nicht weniger entzückende grau-schwarze Kitten ruhig zu und näherte sich uns erst nach einer gewissen Zeit des Beobachtens.
Uns gefiel das und die Entscheidung war gefallen.
Die Formalitäten waren schnell erledigt und nach ein paar Tipps der Tierheimleiterin traten wir mit zwei jungen und nun doch etwas stillen Katzenbabys die Rückreise zu uns nach KIRAS HOME an.

Die ersten Stunden in KIRAS HOME

Zu Hause angekommen, stellten wir die beiden Katzenkäfige am Boden ab, öffneten die Zugangsgitter und zögernd tapsten beide Stubentiger hinaus in das ihnen völlig Unbekannte.
Nachdem sie die ersten zaghaften Erkundungen hinter sich gebracht hatten, verschwanden beide im großen Zimmer des Obergeschosses in der hintersten Ecke.
Unauffindbar.

Wir ließen sie zuerst einmal gewähren.
Doch wollten wir natürlich von Zeit zu Zeit wissen, wie es den Neuankömmlingen erging.
So näherten wir uns ganz behutsam ihrem Versteck.
Das hätten wir vielleicht besser unterlassen sollen.

Uns offenbarten sich zwei wahre Drachentiger!
Als beide uns auch nur aus der Ferne bemerkten, schlugen sie um sich, fauchten und knurrten wild und tief. Die Krallen an den Pfoten ausgefahren – drohend zum Angriff bereit!
Zu Tode erschrocken wichen wir zurück und waren völlig entsetzt.
Ratlos.
Geradezu unbegreiflich!

Die anderen drei Katzen hatten sich relativ schnell und ohne ein solches böses Verhalten eingewöhnt. Also war uns das vorerst völlig neu.
Aber wir versuchten es immer wieder sehr vorsichtig.
Wir guckten wirklich schüchtern in die Ecke, in die sich die beiden Wilden verkrochen hatten.
Jedes Mal ein drohendes, wildes Geknurre, Ausschlagen mit den Pfoten und zum Einsatz bereite Krallen.
„Lasst uns in Ruhe!“
Überdeutlich war diese Forderung.

So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Der Rat der Tierheimleiterin

Es musste etwas geschehen.
Ich rief die nette Dame aus dem Tierheim, aus dem die beiden Katzen stammten, an.
Und sie gab mir den Rat, den ich bis heute und wirklich nie mehr in meinem Leben vergessen werde:

„Haben Sie Geduld. Lassen Sie die beiden einmal in Ruhe in ihrem neuen Zuhause ankommen. Sie müssen verstehen: Dieser Umzug in eine völlig neue Umgebung bedeutet viel Stress für die beiden Kitten. Sie wurden ganz plötzlich aus ihrer gewohnten Umgebung, von den anderen Katzen und von allem Bekannten gerissen. So eine Reaktion ist nicht ungewöhnlich.“

Das klang einleuchtend und wir beschlossen, dem Rat der Frau zu folgen.
Wenn allerdings nichts helfen würde, war die Tierheimleiterin bereit, die beiden wieder abzuholen.
Doch das wäre die allerletzte Notlösung gewesen.
Wir waren nicht bereit, so einfach aufzugeben.
Auf keinen Fall!

Es folgten ein, zwei Tage der Nichtbeachtung unserer neuen Mitbewohner.

Konsequent ignorierten wir sie.
Natürlich stellten wir Futter und Wasser in erreichbare Nähe, doch wir machten absolut keine Anstalten mehr, die beiden, die sich immer noch verkrochen hatten, aus ihrem Versteck hervorzulocken.

Eines Nachts passierte es dann.
Wir wurden von verdächtigen Tappsgeräuschen wach.
Ganz leise und dezent.
Im Haus war es ansonsten mucksmäuschenstill.
Auf Zehenspitzen und jeden noch so kleinen Laut vermeidend, schlichen meine Frau und ich zu dem Zimmer, in dem sich die beiden Kitten in der entferntesten Ecke verkrochen hatten.

Ja, da waren sie!
Der Mond schickte sein schwaches Licht durch ein Fenster, dessen Vorhang nicht zugezogen war, auf den Boden.
In diesem schwachen Schein erkundeten beide jede Ecke des Raumes. Sie beschnupperten zaghaft, doch auch neugierig jedes Möbelstück, sprangen auf Sessel und Betten.

Lautlos und mit katzenhafter Geschmeidigkeit.
Anfangs bemerkten sie uns nicht und wurden immer wagemutiger.
Es war so toll, das anzusehen!
Wir waren so erleichtert und glücklich!

Es hatte geklappt.
Die Tierheimleiterin hatte recht behalten!
Ein Bodenbelag knarrte. Das Geräusch ließ beide Kitten zusammenzucken und wie der Blitz waren beide wieder verschwunden.
Doch wir wussten:
Das Eis war gebrochen.

Am nächsten Tag kamen beide wieder selbstständig aus ihrer Ecke hervor.
Selbst als wir den Raum betraten und immer noch keine Notiz von beiden Kitten nahmen, liefen sie nicht mehr davon.
Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich alles erstaunlich schnell.

Beide wurden immer selbstsicherer, neugieriger und nahmen endlich auch die anderen drei Katzen zur Kenntnis.
Ich griff zum Smartphone und rief die Tierheimleiterin an.
Ich dankte ihr für ihren wirklich goldrichtigen Rat und schilderte, was sich zugetragen hatte. Wie sich die beiden nun tatsächlich wandelten.

Vom Drachentiger zum Schmusekätzchen.

Endlich zahm...

Puma – vom Hausdrachen zum Leibwächter

Ja, so war das mit Cindy und Puma.
Niemals hätte ich damals erwartet, wie sie heute sind.
Der pechschwarze Puma ist Leibwächter und Spielkamerad des fast blinden, zwölf Jahre alten Mischlingshundes Ogy.

Er schläft bei ihm, kuschelt mit ihm und beschützt ihn, wenn der junge Border Collie Moriz wieder einmal zu stürmisch wird.
Wirklich bemerkenswert, wie dieser Kater es anscheinend auf einer unbewussten Ebene merkt: Ogy ist durch seine Sehbehinderung und auch durch sein Alter eingeschränkt.

Wir haben Puma das nicht beigebracht oder irgendwie gezeigt. Er hat es selbst herausgefunden. Wie, kann ich mir nicht so recht erklären.
Vielleicht, weil Puma ein sehr guter Beobachter ist.
Immerhin hat er durch reines Beobachten herausgefunden, wie man die Haustüre öffnet und ins Freie entwischen kann. Seither vergessen wir niemals, diese Tür zu versperren.
So hat er auch Ogys Probleme erkannt.

Ein unersetzliches Mitglied unserer Katzenfamilie.
Eine unschätzbare Hilfe und der ewige Freund für Ogy.

Der junge Border Collie Moriz und Puma?

So etwas hätte ich niemals zu träumen gewagt. Ich bin da ganz ehrlich.
Zu Beginn – als sich beide Kitten in dieser unerreichbaren Ecke des Zimmers verkrochen hatten – hatte Puma mehr Ähnlichkeit mit dem feuerspeienden Drachen Smaug aus den „Hobbit“-Filmen als mit einer verspielten und verschmusten Katze.

Doch die Verwandlung zur absoluten Ulknudel und zum perfekten Spielkameraden für den stürmischen Junghund ist einfach phänomenal!
Die beiden balgen, laufen im Haus herum, „kämpfen“ … Es ist einfach so bezaubernd und wunderschön, das mitzuerleben.

Denn wenn Puma mit seinen Vorderpfoten versucht, den jungen Moriz blitzschnell zu fassen, macht der schwarze Kater so unfassbar schnelle Bewegungen, dass meine Augen kaum folgen können.
So schnell wie einst der berühmte, flinke Boxer Muhammad Ali in seinen besten Zeiten.

Und Cindy?

Wie geht es nun der grau-schwarz gestreiften Cindy?
Sie machte die gleiche Verwandlung durch.
Das wütende, furchtsame Kitten, spuckend und knurrend, ist verschwunden.

An seine Stelle ist eine verschmuste, souveräne und immer liebevolle Kätzin getreten.
Sie ist nicht so enorm verspielt wie ihr Bruder Puma.
Doch sie zeigt ihre überströmende Liebe durch ununterbrochenes Anschmiegen. Sie folgt uns ebenso wie Puma überall hin.

Sie liegt völlig entspannt auf dem Teppich und rollt sich auf den Rücken.
Selbst wenn Border Collie Moriz erscheint, seinen Sturm loslässt und sie wild und tollpatschig antapst, steht Cindy auf, trollt sich und springt auf einen Kasten – ganz nach oben.

Dieses kätzische Sprungvermögen ist sehr beeindruckend!
Dort oben sieht sie auf den verdutzten Hund herab und beobachtet, was der als Nächstes macht.

Geduld wird mit Liebe belohnt

Dies ist die wahre Geschichte der wirklich erstaunlichen Verwandlung zweier scheinbar „hoffnungsloser“ Fälle aus dem Tierheim.

Wir könnten heute nicht glücklicher sein.
Ich möchte mit meiner Schilderung abschließend auch Menschen Mut machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie wir damals.

Gebt Euren Tieren Zeit!

Sie sind keine bösen Wesen.
Wenn Ihr auf die anfänglichen Bedürfnisse, die verständliche Unsicherheit und die Angst richtig eingeht, werden es Euch die Samtpfoten danach mit unerschütterlicher Liebe, Treue und Ergebenheit danken.

Aus zwei kleinen Hausdrachen können die wunderbarsten Liebestiger werden.

Der Abenteurer

Ja, Puma und Cindy haben sich sehr gut bei uns eingelebt.
Nach der völligen Hoffnungslosigkeit kehrte wieder Harmonie ins Tierrudel ein.

Doch der schwarze Puma neigt von Zeit zu Zeit zu kleinen Abenteuern. Ein ebensolches hätte uns beide – also meine Frau und mich – fast einmal zum Schlaganfall gebracht.

Eigentlich katzensichere Fenster …

Die Fenster unseres Hauses sind eigentlich katzensicher.
Eigentlich … na ja …

Die Fliegengitter sind natürlich nicht wirklich katzengerecht. Zumindest fanden wir damals im Baumarkt kein besseres Material. Uns wurde sogar versichert, dass scharfe Katzenkrallen diesem Material nichts ausmachen würden.

Ja, der Wunsch war wieder einmal der Vater des Gedankens.
Nach einigen Wochen gab es ein schönes, kreisrundes Loch im Fliegengitter. Der findige Puma zwängte sich hindurch und war plötzlich im Freien …
Normalerweise repariere ich solche Schäden immer zeitgerecht.
Doch einmal kam ich zu spät!

Puma, von Neugier und Abenteuerlust getrieben, war mit einem Satz im Garten und fürs Erste einmal verschwunden.
Unauffindbar!

Unsere Stubentiger sind Hauskatzen. Meine Frau hat schon zu viele ihrer geliebten Katzen an die Straße verloren. Rücksichtslose Autofahrer, hasserfüllte Menschen, die Gift auslegen, Tierquäler – die Liste der Gefahren ist schier endlos.

Deshalb achten wir gemeinsam penibel darauf, unsere Katzen nicht aus dem Haus zu lassen.
Manche Menschen mögen das als „Einsperren“ oder sogar salopp als „Knast“ bezeichnen.
Ich werde über die Vor- und Nachteile der Haltung von Katzen ausschließlich im Haus noch einen eigenen Blogbeitrag verfassen. Hier würde das den Rahmen sprengen.

Nun aber war Puma der Sprung ins allzu verlockende Freie gelungen.
Wir wurden krank vor Sorge!
Was, wenn er nicht mehr nach Hause findet?
Was, wenn wir das grässliche Geräusch quietschender Autoreifen hören würden?

Was, wenn …
Lieber nicht weiterdenken.

Es wurde Nacht.
Stille senkte sich über die Siedlung.

Stundenlang – seit Puma frühmorgens ausgebüxt war – warteten wir auf irgendein Zeichen. Vielleicht ein Kratzen an der Tür, ein leises Miauen, irgendeinen Hinweis darauf, dass unser Kater wieder Einlass begehrte.

Doch nichts.
Nur noch mehr Sorgen.

Zwei leuchtende Augen in der Dunkelheit

Da vernahmen wir ein schwaches, klägliches Miauen.
Immer öfter.
Immer klagender.
Draußen war es stockdunkel.
Doch meine Frau erkannte das Miauen sofort.

Es konnte nur vom vermissten Puma stammen!
Eilig streifte sie eine Jacke über und stürmte in den Garten.
Und tatsächlich!
Aus dem Dunkel leuchteten uns aus der Hecke des Nachbarn zwei helle Katzenaugen entgegen.
Ganz versteckt, doch eindeutig erkennbar.

Diese beiden kleinen Lichtpunkte konnten nur die wunderschönen Katzenaugen unseres schwarzen Pumas sein!

Die Rettungsaktion

Der Nachbarsgarten ist durch eine etwa 250 Zentimeter hohe Mauer baulich von unserem Grundstück getrennt.
Doch kein Problem!

Meine Frau zögerte keinen Augenblick. Sie lief zielstrebig zu unserer hohen Leiter, lehnte sie an die Mauer, erklomm geschickt die Sprossen und sprang ohne lange nachzudenken auf der anderen Seite in die Wiese.
Gerade noch so konnte sie den Boden erkennen.

Es war ungefähr 22:30 Uhr.
Die älteren Hausbewohner befanden sich offensichtlich schon tief im Schlummer, denn im Haus blieb es dunkel.
Jeden unnötigen Lärm vermeidend, gleichzeitig aber immer wieder klar und deutlich Pumas Namen rufend, schlich sich meine Frau zur hohen Hecke.
Dort wartete der schwarze, völlig verängstigte Kerl sehnsüchtig auf seine Rettung.

Starr vor Schreck rührte er sich glücklicherweise nicht vom Fleck.
Und dann ging alles ganz schnell.
Das Frauchen konnte ihn beherzt packen und endlich glücklich und erleichtert in die Arme schließen.
Ich wartete während der ganzen waghalsigen Aktion auf unserer Gartenseite mit einer zweiten Leiter und nahm Puma ebenso erleichtert und nicht weniger freudenstrahlend wieder in Empfang.

Was für eine Erleichterung!
Unser kleiner Ausreißer war wieder da!

Ende der Abenteuer?

Ich habe inzwischen sämtliche Fenster nun wirklich katzensicher gemacht.
Puma hat seither auch nicht mehr das Bedürfnis, ins Freie zu gelangen.
Er ist sehr zufrieden und glücklich, hier im Haus mit uns leben zu dürfen.
Und wir sind froh, dass sein einziges großes Abenteuer glimpflich ausgegangen ist.

In diesem Sinne:
Bitte achtet gut auf Eure Stubentiger.
Manchmal reicht ein kleines Loch im Fliegengitter für ein ziemlich großes Abenteuer!

Alles Liebe,

die Familie aus KIRAS HOME.

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